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Sie sucht und sucht


Samstags in der U-Bahn. Eine Frau von knapp 90 Jahren lässt sich schwerfällig in den Sitz plumpsen. Sie trägt einen Wollmantel und Wollhut. Neben den geplatzten Äderchen im Gesicht, fallen die kleinen, offenen Stellen auf. Kleine graue Augen, keine Brille. Zu ihren Füßen liegt die vom Einkauf gefüllte Stofftasche, neben ihr auf dem Sitz strecken sich zwei Plastiktüten aus. Fahrscheinkontrolle.
Die alte Dame wühlt die kleine Plastiktüte durch. Es knistert und knistert.
"Ich muss erst suchen", sagt und die Hand durchsucht weiter die Tüte. Es knistert und knistert. Der andere Kontrolleur hat schon seine Hälfte des Wagens geschafft, die Kontrolleurin ihre Hälfte nicht.
"Ich komme gleich wieder", sagt sie.
Die alte Frau sucht und sucht und sucht.
"Ich habe eine Monatskarte", sagt sie zur Kontrolleurin, die wieder vor ihr steht.
"Das glaube ich Ihnen ja", antwortet sie und beobachtet wie die Hand der alten Frau kurz einen roten Geldbeutel auf der Geldscheinseite öffnet und ihn wieder kopfschüttelnd schließt.
"Er muss in dieser Tüte sein", sagt sie und sucht und sucht und sucht.
Die U-Bahn hält. Die Kontrolleurin legt ihre Hand einen kurzen Moment auf die Schulter der alten Dame, läßt sie dort liegen, sagt "Lassen Sie es gut sein" und steigt aus.
 Die alte Dame durchsucht noch drei Stationen später ihre Tüten. Sie ist völlig ratlos.





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LAST UPDATE 07.11.2006