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Bahn Zai (16)


Der Thrill der Kastanie

Was denken sich manche Eltern, wenn sie mit ihren Kindern viele Stunden Zug fahren? Nichts. Vermutlich. Sie reisen mit dem Nachwuchs, haben selbst nichts zu tun. Sie reden nicht, sie lesen nicht, sie spielen nichts. Dazu haben sie auch in der Regel nichts dabei. Was wollen Kindern während einer Zugfahrt? Vier Stunden regungslos auf ihrem Platz sitzen, als wäre sie Teil eines Reiterstandbilds. In diesem Fall sitzt mir ein vierjähriger Junge gegenüber, der eine waschechte Bronchitis hat und alle drei Minuten wie ein usbekischer Kettenraucher bellt. Er starrt die ganze Zeit aus dem Fenster. Und bellt. In der Hand trägt er das einzige Spielzeug, das Mama ihm gereicht hat: eine aus Paketschnur gefertigte Kastanienkette. Sie wirkt wie ein übergroßer Rosenkranz. Mehr nicht. Er bellt. Frau Mama, Kleidung und Rucksack alternativ,weiß ihn zu beschäftigen."Willst du ein Brot?""Nein.""Vollkornbrot.""Nein.""Einen Apfel?""Nein." Bellen. "Aber ich hab Durst."Er trinkt aus einer Wasserflasche. Die Kastanien schlagen an das Glas.Die Mutter weiß schon wie es weiter geht. "Wollen wir aufs Klo?""Okay."Dieses Gespräch wiederholt sich während der Fahrt dreimal. Nur einmal willigt er beim Apfel ein. Er bellt.Höhepunkt der langen Fahrt: Mutter packt Medizin aus. Vier-sechs Flaschen, die allesamt nicht sehr homöopatisch aussehen. War wohl doch schlimmer als eine Bronchitis.Nach dem sie das dritte Mal vom Klo kommen, der Zielbahnhof ist noch 60 Minuten entfernt, gibt sie ihm im Sechserabteil doch noch etwas zum Spielen. Eine quietschgelbe Trillerpfeife.Die anderen Reisenden schauen sich verblüfft an. Und der Junge? Er bellt zwei-dreimal. Dann holt er tief Luft und bläst...







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LAST UPDATE 07.11.2006