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"Das wars"


Untätig wie ein Gast (Max Frisch)

Mythen verbreiten sich schnell in einer Kleinstadt. Zum Beispiel das Märchen vom nagelneuen Hotel A.. Ganz toll soll es sein, totschick dazu- kurz: ein Hotel, dass der harmlos Reisende in Oldenburg nicht erwartet hätte.
Der Gast. Er ist hundemüde. Gestern noch gefeiert und dann gegen Morgen 80 Kilometer durch Ostrfriesland auf sich genommen. Bei den ganzen Landstraßen sind das gefühlte 300 Kilometer. Der Gast. Er macht eine Lesung und möchte sich gerne danach aufs Ohr legen. Nur kurz. Doch kurz vor 12 Uhr ist das nicht möglich.
"Bedaure", sagt der Portier im grauen Anzug und dem Lächeln eines Wesen, dem die Seele abhanden gekommen zu sein scheint. Irgendwo zwischen Hotelfachschule und Schuhe putzen. Er ist 40. Sieht aus wie ein Bankangestellter vor der Mittagspause.
Der Gast. Er ist müde. Er artikuliert diesen Zustand.
"Wir sind ausgebucht. Nicht vor 14 Uhr." Er spricht mit der Bedachtsamkeit eines Menschen, der täglich nur 25 Worte sagen darf. Der Portiert weist in eine Ecke. "Sie können Ihre Tasche hier lassen."
Es handelt sich um eine kleine Computertasche, die in der Ecke des Hotels gleich neben der Tür schlecht aufgehoben zu sein scheint. Und an der Müdigkeit änderts das auch nichts.
Der Gast. Er trinkt irgendwo in der Stadt Kaffee. Latscht irgendwo herum. Zeit kriecht. Ein Drogensüchtiger mit langen Haaren und auffällig großen Zahnlücken singt "Have a cigar" von Pink Floyd.
Gegen 14 Uhr gelangt der Gast in sein Zimmer. Es ist ein sehr schönes Zimmer. "Fahrstuhl um die Ecke", sagte noch der Mann mit Leichenbittermiene. Was zwar jeglicher Freundlichkeit entbehrt, aber immerhin der Wahrheit entspricht.
Am nächsten Morgen, ein Samstag. klingelt das Telefon um 9 Uhr. Niemand hat diese Nummer. Als der Gast sich erhebt und abnimmt, ist niemand mehr dran. Der Gast hat nicht etwa geschlafen, sondern Frühtstückfernsehen gesehen. Einer Sache, der er nur in Hotels nachgeht. Das Gefühl rausgeekelt zu werden bemächtigt sich seiner Person, denn bislang ist dies nur ein diffuses Gefühl. Die übliche Paranoia aus dem Unterwegszustand. Er duscht und geht frühstücken. Zuvor zieht er seinen Kartenschlüssel aus einen Schlitz. Licht und Fernsehen gehen schlagartig aus.
Das Buffett ist wundervolll. Der Gast frühstückt. Eine Dame mit zwei wohlerzogenen kleinen Kindern nimmt sich Brötchen. Der Vater, gute 15 Jahre älter, setzt sich dazu. Als die Schwiegereltern kommen, die nur dem Mann einen Kuss auf die Wange geben, legt die Schwiegertochter sofort mit ihrer Analyse der Verwandtschaft los. Messer verwandeln sich in Schlangen, Butter in Moder. Aus ihr spricht die Stimme der Missgunst und Niedertracht. In diesem Moment kommt der Staatssekretär für allgemeine Portierdienste in den Raum. Im gleichen grauen Anzug. Er sucht jemanden. Den Gast.
Ihre Blicke treffen sich. Und er verschwindet sofort wieder.
Als der Gast auf sein Zimmer zurück kehrt, steht seine Tür offen. Wieder dieses paranoide Gefühl. Vielleicht ist ja nur die Tür nicht richtig zugegangen. Aber die Lichtschalter, die auf das Einführen der Karte sofort für Licht sorgen müssten, versagen ihre Dienste. Jemand hat sie ausgeschaltet. Rasch kontrolliert der Gast seine Habe. Es scheint nichts zu fehlen. Er packt seine Sachen und will dem Angstellten seinen angesammelten Unmut in mehr als 25 Worten unterbreiten. Er legt dazu seinen Kartenschlüssel auf den Tisch und wartet nur noch darauf, daß der immer noch gleiche Portier das Gespräch mit einer Dame zu Ende führt. Stattdessen nimmt der aber den Schlüssel schnell an sich, unterbricht die die Unterredung und sagt zur Verblüffung des Gastes: "Das wars."





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LAST UPDATE 07.11.2006