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Bahn Zai (15)


Hier wird nicht gemeckert

Der Zug hält. Menschen steigen aus. Beladen. Menschen steigen aus. Beladen. Und mancher verliert die Geduld...
Ein junger Mann sitzt direkt an der Schiebetür. Er hat so viele Stapel Fotokopien bei sich, als würde er hier sein ganzes Studium auf einer einzigen Fahrt nach Berlin absolvieren müssen. Die Gepäckablagen sind voll. Eine seiner Taschen steht im Flur. Dort beklagt sich eine ältere Dame im meckernden Ziegenton. Sie könne nicht aussteigen. Seine Tasche sei im Weg. Er steht auf, weht dabei ein paar Blätter herunter, hebt sie auf, holt die Tasche, hievt sie auf seinen Sitz, weht dabei ein paar Blätter vom Tisch, hebt sie auf. Er selbst kann nun wegen der Tasche nicht mehr sitzen, wartet stattdessen, dass in Frankfurt alle ihren Platz gefunden haben, damit er seine Tasche unterbringen kann. Es ist Sonntag. Es steigen sehr viele Leute ein, die sich jetzt alle an ihm vorbeiquetschen müssen. Mit ihren Mänteln und Taschen wehen sie seine Blätter herunter, die er geduldig aufhebt. Einem indischen Ehepaar mit zwei Kindern wurde im reservierungspflichtigen Sprinter vier verschiedene Plätze an vier verschiedenen Teilen des Abteils zugewiesen. Der Familienvater bemüht sich mit anderen Reisenden zu tauschen. Was ihm gelingt. Er hat ein gewinnendes Wesen. Bei dieser Aktion wandern die Inder hin und her. Mit Taschen, mit Mänteln. Der Mann, die Frau, die Kinder. Sie wehen Blätter herunter. Der junge Mann hebt sie geduldig auf. Ein gelockte 25jährige, die auch zu ihrem Platz will, wird es zu bunt. "Können Sie mich vielleicht mal vorbeilassen", zischt sie. Inder und Student machen Platz. Sie weht ein paar Blätter herunter. Der junge Mann hebt sie auf. Kurz darauf kehrt sie zurück. Neben ihrem Mund funkelt rot ein Furunkel. Sie wil noch einen Koffer holen. "Wie lange dauert das denn noch?", faucht sie den Studenten an. "Ich muss hier durch, ich kann nicht den ganzen Tag im Zug stehen."
"DAS IST NUR", platzt es schreiend aus dem Studenten hervor, "WEIL ICH MEINE TASCHE IRGENDWO UNTERBRINGEN MUSS."
Sie, sich durchquetschend, darauf: "Das ist doch kein Grund mich anzuschreien."
"DOCH", schreit er zurück. "Seit Sie in diesem Zug sind, meckern Sie nur rum. Erst mit den Leuten hier (er weist auf die Inder) und jetzt mit mir. Setzen Sie sich auf ihren Platz und halten Sie die Klappe."
Verblüfft zieht sie von dannen. An ihrem neuen Platz wird sie mit den Worten empfangen: "Hier wird nicht gemeckert."
Später. Ein Handy klingelt nervtötend. Ihres. Ganz zum Schluss geht sie ran.
Der junge Mann indessen hat jetzt seine Tasche untergebracht. Die indische Familie schält Orangen und gibt ihm eine ab.
"Wie finden Sie die Orange?", will das Familienoberhaupt wissen.
"Sehr lecker", meint der Student."Sehr saftig."





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LAST UPDATE 07.11.2006